Wer Zeit in bestimmten Ecken des Internets verbracht hat, ist vielleicht auf eine auffällige Behauptung gestoßen: dass „Allah” gar nicht wirklich Gott sei, sondern der Name einer alten heidnischen Mondgottheit, die im vorislamischen Arabien angebetet wurde, und dass der Halbmond auf Moscheen und Flaggen dies beweise. Es ist eine Behauptung, die in manchen Kreisen mit echter Überzeugung vorgetragen wird, und sie verdient daher eine echte, belegte Antwort statt einer bloßen Zurückweisung.
Woher die Behauptung stammt
Die Mondgott-Behauptung entstand nicht aus etablierter historischer oder archäologischer Forschung. Ihre moderne Popularität geht zurück auf The Moon-god Allah in the Archaeology of the Middle East, ein Werk des christlichen Apologeten Robert Morey von 1994, Teil einer breiteren Pamphlet- und Radioprogramm-Kampagne, die argumentierte, der Islam sei insgeheim eine Wiederbelebung alter Mondverehrung.5 Als Gelehrte Moreys Quellen direkt untersuchten, stellten sie fest, dass das Argument nicht standhielt: Ihm wurde nachgewiesen, dass er genau jene Forscher falsch zitiert hatte, die er anführte — darunter den Anthropologen Carleton Coon, dessen eigene Arbeit vorislamische arabische Mondgottheiten unter Namen wie Wadd, 'Amm und Sin identifizierte, niemals „Allah”.5 Dies verdient es, klar und fair festgehalten zu werden: Die Behauptung ist ein polemisches Argument, das der Überprüfung seiner eigenen Belege nicht standhielt, kein anerkannter Befund der Religionsgeschichte.53
Was „Allah” tatsächlich bedeutet
Lässt man die Polemik beiseite, ist die Sprachwissenschaft unkompliziert. „Allah” ist schlicht das arabische Wort für Gott — höchstwahrscheinlich eine Zusammenziehung von al-ilah, „der Gott”, zurückgehend auf dieselbe alte semitische Wurzel (il, el, eloah), die auch dem hebräischen Elohim zugrunde liegt.38 Es funktioniert wie „God” im Englischen oder „Dieu” im Französischen: ein allgemeines Substantiv für die höchste Gottheit, kein privater Name für eine bestimmte Gottheit unter vielen. Arabischsprachige Juden und Christen — Gemeinschaften ohne jede Verbindung zur Theologie des Islam — verwenden dasselbe Wort „Allah” für Gott in ihren eigenen Bibeln und Gebeten, weil es schlicht der Begriff ihrer Sprache für Gott ist.37 Würde „Allah” eine bestimmte heidnische Mondgottheit benennen, würde dieser gemeinsame Gebrauch über Glaubensgrenzen hinweg keinen Sinn ergeben.
Der Quran verbietet ausdrücklich die Anbetung des Mondes
Die vielleicht klarste Antwort ist, dass der Quran selbst direkt und unmissverständlich die Anbetung der Sonne oder des Mondes verbietet und sie stattdessen als geschaffene Zeichen bezeichnet, die auf Gott hinweisen:
"Und zu Seinen Zeichen gehören die Nacht und der Tag, die Sonne und der Mond. Werft euch weder vor der Sonne noch vor dem Mond nieder, sondern werft euch vor Allah nieder, Der sie erschaffen hat, wenn ihr (tatsächlich) Ihm allein dient."
— Quran 41:37 (Bubenheim & Elyas)1
Es wäre in der Tat eine seltsame Schrift, die den Gläubigen verböte, genau die Gottheit anzubeten, nach der sie sich angeblich selbst benannt hätte.
Der Halbmond ist ein Symbol, keine Theologie
Der Halbmond, der oft als „Beweis” angeführt wird, ist ein späteres historisches Symbol, keine Lehre. Das Stern-und-Halbmond-Motiv geht dem Islam um etwa tausend Jahre voraus und erscheint in der antiken Stadt Byzanz und bei anderen nahöstlichen Kulturen lange bevor der Quran offenbart wurde.4 Die frühe muslimische Gemeinschaft verwendete schlichte, einfarbige Banner statt eines Mondemblems, und das Symbol wurde erst Jahrhunderte später weithin mit dem Islam assoziiert, nachdem das Osmanische Reich es im 18. Jahrhundert als Staatsemblem übernahm; mit der Ausbreitung des Einflusses des Osmanischen Kalifats wurde das Symbol populär — aber nicht theologisch — mit dem Glauben selbst verknüpft.497 Nichts im islamischen Gottesdienst behandelt den Halbmond als Gegenstand der Verehrung; er ist eher ein kulturelles Kennzeichen, vergleichbar damit, wie ein Kreuz als identifizierendes Symbol für das Christentum dient, ohne selbst angebetet zu werden.
Derselbe Gott, den Abraham anrief
Muslime verstehen „Allah” als denselben einen Gott, den Abraham, Mose und Jesus (Friede sei mit ihnen) anbeteten — kein umbenanntes Götzenbild, sondern eine Fortsetzung desselben monotheistischen Rufs:
"Und streitet mit den Leuten der Schrift nur in bester Weise... Und sagt: „Wir glauben an das, was (als Offenbarung) zu uns herabgesandt worden ist und zu euch herabgesandt worden ist; unser Gott und euer Gott ist Einer, und wir sind Ihm ergeben”."
— Quran 29:46 (Bubenheim & Elyas)2
Kurz gesagt
Die „Mondgott”-Behauptung geht auf ein polemisches Pamphlet zurück, dessen eigene Quellen ihr widersprechen, nicht auf ernsthafte historische Forschung. „Allah” ist schlicht Arabisch für „Gott”, verwendet von Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen; der Quran verbietet ausdrücklich die Anbetung von Sonne oder Mond; und das Halbmondsymbol ist eine spätere, entlehnte Ikonografie statt ein Stück Theologie. Muslime erkennen den Gott, den sie anbeten, als denselben Gott, den Abraham anrief.
Wie es weitergeht: Für mehr zu diesem gemeinsamen theologischen Grund siehe Beten Muslime einen anderen Gott an? und Warum an einen Gott glauben?